Otto Rank – vergessener Pionier der Psychoanalyse

Marina Leitner

(Quelle)

Rank postulierte eine bestimmte Gattung von Träumen und anderes während der Analyse auftauchendes Material, die "nur aus der gegenwärtigen, artifiziell geschaffenen, analytischen Situation" verständlich seien und nicht aus der Vergangenheit des Analysanden (ebd., S. 205). Er stellte sogar den Übertragungsbegriff selbst in Frage, indem er den Gedanken anregte, ob nicht jede Objektbeziehung "stets frisch von Ich her erfolgt" (ebd., S. 206). Er betonte, die Bedeutung des Historischen nicht leugnen zu wollen, jedoch entscheidend sei, daß das Material aus frühkindlicher Zeit meist nicht erinnert, sondern nur aus der analytischen Situation heraus, in der "aktuellen Reproduktion" erkannt werden könne (ebd., S. 203).
Ebenso wie in bezug auf die Technik der Psychoanalyse nahm Rank auch in der Theorie wichtige Ideen vorweg. Vor allem in seinem Werk Grundzüge einer Genetischen Psychologie I (1927) versuchte er, die Entwicklung der Objektbeziehungen und des Ichs genetisch darzustellen. Natürlich kam auch hier der Mutter wieder die entscheidende Rolle zu. Es ist kaum bekannt, daß bereits Rank zwei "Urtypen der Mutter" (ebd., S. 109) als "gutes (gewährendes) und schlechtes (versagendes) Objekt" (ebd., S. 110) unterschied. Besonders durch die Entwöhnung werde der Haß gegen die Mutter und somit die Ambivalenz gegen sie, die aus dem Geburtstrauma stammt, verstärkt (vgl. ebd., S. 83). Dies ist eine eindeutige Vorwegnahme des Konzepts der "guten" und "bösen" Mutter bei Melanie Klein oder W. R. D. Fairbairn (vgl. Eagle 1984, S. 101). In dieser Klarheit und Prägnanz hat dies niemand vor Rank formuliert. Ebenso muß man beim nächsten Satz an Melanie Klein denken:

"Die Projektion des eigenen Narzißmus schafft das Bild der «guten Mutter»Fehler! Verweisquelle konnte nicht gefunden werden., die einen so liebt, wie man sich selbst; die Projektion des eigenen Sadismus schafft das Bild der «schlechten Mutter», die einem so wehtut (straft, quält, haßt), wie man es selbst tun möchte." (Rank 1927, S. 163)